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Bindungsstörung: eine Störung durch Traumata in der Kindheit

Eine Bindungsstörung entsteht durch massive Traumata, wenn Kinder misshandelt, missbraucht oder massiv vernachlässigt werden. Hierbei werden die wichtigsten Bedürfnisse von Kindern nicht erfüllt. So kann es sein, dass andauernde Verluste wichtiger Beziehungspersonen, ständige Beziehungsabbrüche oder eine schwere psychische oder körperliche Erkrankung der Eltern dazu führen, dass sie das Kind nicht angemessen versorgen können. Hieraus können Bindungsstörungen entstehen.

Folgen von Bindungsstörungen

Bindungsstörungen sind häufig der Vorläufer von Persönlichkeitsstörungen, wie Borderlinestörung und narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, sowie dissoziativen Störungen wie auch multipler Persönlichkeit. So können Bindungsstörungen bis einschließlich dem 15. Lebensjahr diagnostiziert werden, falls die Symptomatik schon in den ersten fünf Lebensjahren entstanden ist. Hierfür wird die Anamnese herangezogen. Persönlichkeitsstörungen werden ab dem 16. Lebensjahr diagnostiziert.

Bindungstypen:

70 Prozent aller Kinder sind sicher gebunden. Diese Kinder sind durch ihre guten Erfahrungen in der Kindheit stärker resilient gegenüber psychischen Erkrankungen. Sie haben gelernt, gute Beziehungen aufzubauen und finden diese dann auch in ihrem Freundeskreis und bei ihrem Partner.
30 Prozent aller Kinder weisen eine unsichere Bindung auf. Die unsicher vermeidende und die unsicher ambivalente Bindung sind Bindungsformen, die nicht optimal sind, aber eine haltbare Beziehung zu den Eltern ermöglichen.

Diese Kinder und Jugendlichen bzw. später Erwachsenen haben ein erhöhtes Risiko, an psychischen Problemen zu erkranken. Bindungsstörungen sind dagegen viel seltener und ermöglichen keine haltbaren, überdauernden Beziehungen zu anderen Menschen.

Formen der Bindungsstörung

Bei reaktiv bindungsgestörte Kindern zeigen sich emotionale Störungen, Aggressionen gegen andere und sich selbst, unglücklich sein, multiple Ängste und deutlich widersprüchliche Reaktionen in verschiedenen Situationen, die für Außenstehende oft nicht erklärbar sind. Bei den schwersten Fällen kommt es zu Wachstumsverzögerungen. Die reaktive Bindungsstörung reagiert auf eine Milieuveränderung.

Die Bindungsstörung mit Enthemmung zeigt sich durch nicht selektierte Anklammerungsversuche der Kinder und aufmerksamkeitsheischendes Verhalten. Es bestehen keine ausgesuchten sozialen Bindungen. Beim Unglücklichsein wird Trost bei keinem oder wahllos bei allen Menschen gesucht.

Was ist Fantasie und was Realität?

Die Entwicklung der Kinder mit Bindungsstörung ist eingeschränkt. Sie entwickeln wenig Fähigkeiten, die eigenen Beweggründe und die der anderen zu ergründen und zu verstehen. Zum einen kann häufig nicht zwischen Realität und Fantasie unterschieden werden. So kann ein 14-Jähriger oder ältere Jugendlicher noch an den Osterhasen oder Weihnachtsmann glauben oder denken, Fantasiegestalten existierten wirklich. Sie sind noch dem magischen Denken verhaftet. Zum anderen können sie meist auch nicht zwischen sich und anderen ausreichend unterscheiden. So denken sie, wenn sie selbst wütend sind, der andere sei auf sie wütend. Solche Kinder und Jugendlichen haben kein klares Bild von sich und von anderen Menschen. Emotionen können nicht ausreichend selbstständig reguliert werden. Bei einer gesunden Entwicklung sind diese Fähigkeiten ab dem vierten oder fünten Lebensjahr entstanden. Hier gelingt dies nicht.

Schnell wird Selbstverletzung und Suizidalität zum Thema. Einerseits kommt dies aus dem Bedürfnis, einen psychischen Schmerz körperlich auszudrücken, andererseits daraus, dissoziative Zustände (abgespaltene Zustände) oder das Gefühl, dass etwas „Böses, Störendes“ in ihnen ist, zu beenden.

Janine.

Janine wurde von ihren drogenabhängigen Eltern massiv vernachlässigt. Sie wurde eingesperrt, von Person zu Person weitergereicht und bekam nicht genug zu essen. Sie kam dann, vom Jugendamt initiiert, zu ihren Großeltern. Mit sieben Jahren kam sie in die Ambulanz. Es klappte in der Schule gar nicht und der Bedarf einer Erziehungshilfeschule stand im Raum. Sie hatte keine Freunde, zeigte aggressives Verhalten gegen andere Kinder und schlug diese. Zu den Großeltern zeigte sie entweder anklammerndes Verhalten oder sie schien gar nicht an ihnen interessiert zu sein. Ihre Stimmungen schwankten extrem häufig ohne von außen klar erkennbare Auslöser.

Traumatische Kindheitserfahrungen haben Einfluss, häufig ein Leben lang

Sind bestimmte Erfahrungen in frühster Kindheit nicht gemacht worden, können Fähigkeiten nicht entwickelt werden. Da das Kind in bestimmten Bereichen auf einer Stufe vor dem vierten oder fünften Lebensjahr stehen bleibt, kommt es mit sich und seiner Lebenswelt nicht gut zurecht. Es leidet an sich und der Welt. Immer wieder werden gleiche Muster wiederholt. Beziehungen werden mit Menschen aufgenommen, die ebenfalls dysfunktionale Muster aufweisen. Oder aber Menschen mit gesunden Mustern ergreifen die Flucht, da sie mit solchen Stimmungsschwankungen, gegen sie gerichteten Angriffen und zunächst nicht begreifbaren Verhaltensweisen, nicht zurechtkommen.

Zur Veränderung braucht es eine neue gesunde Erfahrung mit einem gesunden Erwachsenen. Dieser muss den Patienten spiegeln und mit dem Patienten zusammen versuchen, dessen innere Gedankenwelt  zu erklären. So entsteht Mentalisierung.

Michaela.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir die zehnjährige Michaela. Sie hing sehr an beiden Elternteilen. Der Vater vergewaltigte die Mutter wiederholt. Die Mutter nahm Michaela ihre Liebe zum Vater übel. Nach der Trennung vom Vater hatte die Mutter einen neuen Freund. Er schlug Michaela mit einem Stock auf ihre Fußsohlen, als sie nicht tat, was er wollte. Ihre Schreie alarmierten die Nachbarn und der Freund, der illegal in Deutschland war, wurde in sein Heimatland ausgewiesen. Das vergab die Mutter Michaela auch nicht und wertete sie ab. Michaela verletzte sich selber, indem sie immer wieder „Unfälle“ produzierte. So klemmte sie sich in Türrahmen ein oder versuchte, sich mit einem Bademantelstrick aufzuhängen. Sie sah die tote Großmutter vor sich, die ihr sehr nahe stand und wollte ihr durch Suizid folgen, um bei ihr zu sein. Sie war immer wieder abgängig. Sie ging nicht mehr nach Hause und übernachtete bei Freunden, aber auch bei völlig Fremden. Sie konnte weder lesen noch schreiben. Nach einer stationären Therapie von einem halben Jahr kam sie in eine therapeutische Wohngruppe. Zu dieser Zeit verletzte sie sich nicht mehr selbst, versuchte sich auch nicht mehr umzubringen und begann langsam Beziehung aufzunehmen. In der therapeutischen Wohneinrichtung konnte Michaela sich über die Jahre stabilisieren.

Der Therapeut als Spiegel der inneren Zustände des Kindes

Zunächst ist es wichtig, die Zustände des Kindes zurückzumelden. Hierbei ist der Therapeut [1]der Spiegel der emotionalen Zustände des Kindes. Diese Spiegelung passiert bei einer gesunden Entwicklung im Babyalter des Kindes durch die Eltern. Die Eltern spiegeln die emotionalen Zustände des Kindes übertrieben zurück, sodass es merkt, es sind seine eigenen Zustände und nicht die der Eltern. Dieses Spiegeln ist ein zentraler Bestandteil der Therapie. Die emotionalen Zustände des Patienten werden vom Therapeuten klar und deutlich zurückgemeldet.

In der zweiten Stufe erfolgt die Therapie mit symbolischen Möglichkeiten, wie malen oder spielen. Hier ist es wichtig, dass der Therapeut das Gespielte auch hier übertrieben zurückmeldet. So kann ein Kind, den Therapeut im Spiel mit einem Schwert erstechen und der Therapeut stirbt im Spiel übertrieben. Wichtig ist, dass jedes Spiel einen guten Ausgang nimmt. Die Aufgabe des Therapeuten ist es immer wieder, ein gutes Ende des Spiels herzustellen. Der Therapeut benennt die dazugehörigen Gefühle, Bedürfnisse der Spielenden und die möglichen Gründe ihres Handelns.

In der dritten Phase werden Gefühle benannt und Gründe für das eigene Verhalten und das Verhalten der anderen ergründet. Therapeut und Patient erarbeiten gemeinsam ein Verständnis über die Innen- und Außenwelt des Patienten. Es kommt immer darauf an, auf welchem Stand das Kind, der Jugendliche sich jenseits seines Lebensalters, befindet.

Es gibt schwierige Ausgangslagen

Manchmal geht es darum, vorerst eingeschränkte Ziele zu verfolgen, wie den Patient am Leben zu erhalten. Es wird zunächst erarbeitet, dass der Patient sich nicht mehr selbst verletzt, die Therapie nicht abbricht, mehr Realitätsbezug erarbeitet, beginnt Beziehungen aufzunehmen und aufrechtzuerhalten. Die beste Vorbeugung einer Bindungsstörung ist eine liebevolle Beziehung mit den Eltern ohne Beziehungsabbrüchen oder größeren Traumata.

Fiona.

Der schwerste Fall in meiner Laufbahn war Fiona, ein zehnjähriges, langjährig durch den Partner der Mutter missbrauchtes Kind. Ihre geistig behinderte Mutter konnte ihr nicht genügend Unterstützung und Schutz geben. Sie lebte zum Zeitpunkt der Erstvorstellung in einer Wohneinrichtung. Sie dachte Figuren aus dem Fernsehen, vor allem böse Figuren, existierten wirklich. Fiona versteckte sich während der Stunde lange unter dem Tisch. Sie musste immer wieder wegen Suizidalität stationär in der Klinik behandelt werden. Sie stellte ständig die therapeutische Beziehung infrage. Zunehmend gelang es ihr besser, zwischen Fantasie und Realität zu unterscheiden. Sie fing an, Freundschaften aufzunehmen, wenn auch noch sehr chaotische. Eigene Gefühle konnten von ihr immer besser benannt werden. Nach rund zwei Jahren musste sie jedoch in eine andere Wohneinrichtung wechseln, da sie in ihrer jetzigen nicht mehr gehalten werden konnte. Sie kam in eine entfernte, therapeutische Wohneinrichtung mit einer engen Anbindung an eine Psychiatrie [2]. Mit 18 Jahren kam sie wieder in die Heimat zurück und so in die Ambulanz. Sie hatte ein Realschulabschluss gemacht, war in einer Ausbildung, wo sie geschätzt wurde, hatte einen Freund. Auch wenn sie weiter Medikamente nehmen musste und weiter therapeutische Unterstützung brauchte, war ihre Lebensqualität inzwischen viel besser.
Ihre Entwicklung macht Mut, die Zeit zu investieren, um bindungsgestörten Kindern und Jugendlichen ein gutes Leben zu ermöglichen.

Eltern müssen Hilfe zulassen

Wenn Eltern an ihre Grenzen kommen, kann ich ihnen nur raten, sich schnellstmöglich professionelle Unterstützung zu suchen. Insbesondere, wenn sie psychisch schwer erkranken oder eine Suchterkrankung [3] entwickeln. Eltern, die selbst massiven Traumata in der Kindheit und Jugend ausgesetzt waren, sollten diese aufarbeiten, um sich davon befreit, besser um ihre eigenen Kinder kümmern zu können. Beziehungsabbrüche sind für Kinder schädlich. So sollten die wichtigen Bezugspersonen eine zuverlässige kontinuierliche Beziehung zu ihren Kindern aufrechterhalten.

Manchmal können andere Personen, wie Verwandte oder andere Erwachsene, eine gute mentalisierende Beziehung ermöglichen und die Kinder so stützen, sodass sie sich trotz allen schwierigen Umständen gut entwickeln.

Die Kinder brauchen Zeit

Zur Behandlung von Bindungsstörungen braucht es neben fachlicher Kompetenz vor allem zeitliche Ressourcen. Ich möchte dafür werben, dass ermöglicht wird, diesen Kindern die nötige Zeit zur Verfügung zu stellen und sich hierbei nicht nur von kurzfristig finanziellen Erwägungen leiten zu lassen.

Headerbild: © Nicole Celik / pixelio.de