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Forensik im Fokus

Austausch forschender und praktizierender Forensiker beim Internationalen Symposium Forensische Psychiatrie

Von der Neurobiologie der Gewalt über die Fehlerkultur im Maßregelvollzug bis zur Sexualstraftäterbehandlung: Der Stand der Wissenschaft auf dem breiten Feld der forensischen Psychiatrie wurde während eines zweitägigen Symposiums in der Kongresshalle in Gießen präsentiert. Das Institut für forensische Psychiatrie Haina e.V. veranstaltete die Tagung. Im Interview zieht Walter Schmidbauer Bilanz. Er ist Geschäftsführer des Instituts sowie Ärztlicher Direktor der Vitos Kliniken für forensische Psychiatrie Riedstadt und Eltville.

Rouven Raatz: Welchen Aufgaben widmet sich das Institut für forensische Psychiatrie Haina?

Walter Schmidbauer: Mitarbeiter der heutigen Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Haina haben 1997 das Institut für forensische Psychiatrie Haina e. V. gegründet. Seit 1998 ist es als gemeinnützig anerkannt. Das Institut fördert die Forschung und die Aus- und Weiterbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses auf dem Gebiet der forensischen Psychiatrie. Ein weiteres Anliegen ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Psychiatrie, Psychologie, Rechtswissenschaft, Rechtsmedizin und Soziologie. Die Förderung erfolgt unter anderem durch die Organisation von wissenschaftlichen Veranstaltungen und Forschungsvorhaben. Zudem vergibt das Institut Forschungsaufträge und fördert die Verbreitung von Forschungsergebnissen in Veröffentlichungen (es hat einen eigenen Verlag). Es organisiert Weiter- und Fortbildungsveranstaltungen sowie die Förderung der Fort- und Weiterbildung von Mitarbeitern der forensischen Psychiatrie [1].

Rouven Raatz: Das Institut organisiert jedes Jahr wissenschaftliche Veranstaltungen. Wie ordnen Sie das aktuelle Symposium ein?

Walter Schmidbauer: Mit 500 Teilnehmern – von Ärzten bis Rechtsanwälten – und namhaften Referenten aus Deutschland und der Schweiz war das Symposium „Forensische Psychiatrie“ die größte der zahlreichen nationalen und internationalen Veranstaltungen, die das Institut seit seiner Gründung vor 20 Jahren organisiert hat. Die Kollegen haben Forschungsergebnisse auf höchstem Niveau präsentiert. Besonders ausgezeichnet, hat sich das Symposium durch die gelungene Vernetzung der Forschung mit der klinischen Perspektive.

Rouven Raatz: Wie fällt der Vergleich zu anderen Kongressen aus?

Walter Schmidbauer: Im Vergleich zu anderen internationalen Symposien waren die Vorträge in Gießen mit jeweils einer Stunde Redezeit pro Referent relativ lang. Außerdem haben wir angesichts der großen Teilnehmerzahl auf eine anschließende Diskussion verzichtet. Das hat die Zuhörer zum Glück nicht davon abgehalten, diese in den Pausen auf dem Flur nachzuholen. Bei internationalen Kongressen finden häufig zeitgleich mehrere Vorträge statt und die Zuhörer wählen nach Interessenschwerpunkten. Wir wollten das Symposium thematisch breit anlegen und den Teilnehmern die Möglichkeit bieten, auch alle Vorträge mitzubekommen.

Rouven Raatz: Die Referenten waren durchweg der jüngeren Generation der forensisch Forschenden oder behandlerisch Tätigen zuzurechnen. Wie unterscheiden sie sich von ihren Vorgängern?

Walter Schmidbauer: Insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die psychiatrische Grundlagenforschung auch auf spezifische Fragestellungen der forensischen Psychiatrie ausgedehnt. Das zeigten zum Beispiel die beiden Vorträge des Symposiums zum Einsatz bildgebender Verfahren. Darüber hinaus haben in den Bereichen Risikoeinschätzung und therapeutische Ansätze Paradigmenwechsel stattgefunden.

Rouven Raatz: Welche Themen wurden während des Symposiums beleuchtet?

Walter Schmidbauer: Mit Ausführungen über „Träges Wissen in der Forensik“ hat die neue Ärztliche Direktorin der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Haina, Dr. Beate Eusterschulte, das Symposium eröffnet. In insgesamt fünf Blöcken präsentierten zwölf Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Untersuchungen: PD Dr. Andreas Mokros zu „Psychopathie“, Dr. Martin Rettenberger zu „Risikobeurteilungsinstrumente“, Prof. Elmar Habermeyer zu „Forensisch-psychiatrische Risikoevaluation als Unterstützung der Polizeiarbeit“, Prof. Manuela Dudeck zu „Trauma, Aggression und Psychopathie als Prädikatoren von Kriminalität bei Maßregelpatienten“, Prof. Boris Schiffer zu „Neurobiologie der Pädophilie“, Prof. Kolja Schlitz zu „Neurobiologie der Gewalt“, Prof. Jérôme Endrass zu „Evaluation von forensischen Interventionen: Herausforderungen und Stand der Forschung“, Dr. Nahlah Saimeh zu „Fehlerkultur im Maßregelvollzug“, Prof. Peer Briken zu „State-of-the-Art: Sexualstraftäterbehandlung“ und Prof. Tania Lincoln zur „Psychotherapie der Schizophrenie“.

Rouven Raatz: Welche Forschungsergebnisse haben Sie besonders überrascht?

Walter Schmidbauer: Die hessischen Maßregelvollzugskliniken im § 63-Bereich sind schon seit Jahren sehr nahe am aktuellen Stand der Forschung, nicht zuletzt, aufgrund der Unterstützung von Forschungsarbeiten und eigenen Erhebungen. Das heißt konkret, wir informieren uns und unsere Mitarbeiter über den aktuellen Stand der Forschung. Wir bewerten die Ergebnisse und leiten Maßnahmen zur Optimierung unseres diagnostischen und behandlerischen Potentials ab. Insofern um auf Ihre Frage zurückzukommen, es hat mich keines der Ergebnisse „überrascht“.

Rouven Raatz: Sind Erkenntnisse präsentiert worden, die auf lange Sicht zu grundsätzlichen Änderungen in der forensischen Psychiatrie führen werden?

Walter Schmidbauer: Dr. Eusterschulte sagte es in ihrem Vortrag über träges Wissen bereits: Die Bewertung der Bedeutung von Erkenntnissen für die Alltagsarbeit und deren Umsetzung ist nicht immer ganz einfach. So etwas geht nicht von alleine. Es braucht hierfür zum einen eine stabile organisatorische und finanzielle Basis. Zum anderen braucht es Führungskräfte, die auf der einen Seite das Metier kennen, aber gleichzeitig Neuerungen gegenüber aufgeschlossen sind. Die Führungskräfte müssen die Mitarbeiter bei der Entwicklung alternativer Ansätze unterstützen, beziehungsweise den hierfür nötigen Freiraum schaffen. Nicht zuletzt braucht es natürlich auch Mitarbeiter, die immer wieder aufs Neue versuchen, Maßregelvollzug neu zu denken.

Rouven Raatz: Endstation Maßregelvollzug. Diesem in der öffentlichen Wahrnehmung fälschlicherweise noch immer vorherrschenden Bild ist Susanne Nöcker, Ministerialrätin im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration, in ihrem Grußwort entschieden entgegengetreten. Maßregelvollzug sei nicht das letzte Glied in der Kette. Es gebe ein ‚vor‘ und ein ‚danach‘. Wie sehen die Rückfallquoten aus?

Walter Schmidbauer: Die meisten der in Hessen aus dem § 63-Maßregelvollzug in die Führungsaufsicht (ambulante Maßregel {§ 68 StGB}als besondere Form der Bewährung) entlassenen Patienten wurden in den vergangenen Jahren durch die Vitos forensisch-psychiatrische Ambulanz Hessen betreut. Von den seit dem 4. Quartal 1988 bis Ende des 3. Quartals 2016 im ambulanten Setting betreuten 1.682 Personen scheiterten ohne erneutes delinquentes Verhalten 13,8 Prozent und 4 Prozent mit erneuter Delinquenz. Die Personen, die mit erneuter Delinquenz während der Führungsaufsicht scheiterten, verübten zu 58,2 Prozent gleichartige Delikte wie bei der Einweisung, 32,8 Prozent geringfügigere Delikte als bei der Einweisung und 9 Prozent schwerere Delikte. Der überwiegende Anteil (81,2 Prozent) der Entlassenen aus dem Maßregelvollzug konnte also erfolgreich in die Allgemeinheit resozialisiert werden.

Rouven Raatz: Die „Fehlerkultur im Maßregelvollzug“ war Thema des Symposiums. Wie werden in den Vitos Kliniken für forensische Psychiatrie Fehler identifiziert, und welche Schlüsse werden daraus gezogen?

Walter Schmidbauer: In den Vitos Kliniken für forensische Psychiatrie haben wir ein gut funktionierendes, aber mit Sicherheit auch noch verbesserungsfähiges System im Umgang mit Fehlern etabliert. Entscheidungen, zum Beispiel für Lockerungsmaßnahmen, erfolgen nach einem gestuften Konzept. Es sieht vier Entscheidungsstationen vor: die Bezugspflege, beziehungsweise den Therapeut, den Oberarzt, die Klinikkonferenz und den Ärztlicher Direktor. Das gestufte Konzept trägt zur Fehlervermeidung bei. Das Qualitätsmanagement beschreibt die Prozesse der Klinik und regelt sie mittels Verfahrensanweisungen. Zwischenfälle und kritische Ereignisse (zum Beispiel Beinahefehler) werden vor Ort analysiert und nachbesprochen. Darüber hinaus sind in den Kliniken in Form einer Arbeitsgruppe Sicherheit ständige Qualitätszirkel eingerichtet. In diesem werden die kritischen Ereignisse und Fehler nochmals bewertet. Es wird zudem versucht, systembedingte Fehler durch Anpassung der Prozesse und Verfahrensregeln auszuschließen. Außerdem steht jedem Mitarbeiter das unternehmensweite Critical-Incident Reporting System (CIRS) offen.

Derartige systematische Vorkehrungen funktionieren jedoch nur dann, wenn vonseiten der Leitung offen mit eigenen Schwächen umgegangen und den Mitarbeitern respektvoll begegnet wird. Nur so ist ein angstfreies Arbeiten möglich.

Rouven Raatz: Aus den Vitos Kliniken für forensische Psychiatrie haben ebenfalls viele Mitarbeiter an dem Symposium teilgenommen. Wie sieht der Transfer des neuen Wissens in den Klinikalltag aus?

Walter Schmidbauer: Es ist uns wichtig, dass Erkenntnisse aus Fortbildungen regelhaft in den Alltag transportiert werden. Das geschieht, indem über aktuelle Erkenntnisse berichtet wird. Allerdings gibt es jeweils klinikinterne Unterschiede: Die Wissensübermittlung kann durch innerbetriebliche Fortbildungen oder Dienstbesprechungen erfolgen. Auf längere Sicht ist es so, dass wir die Erkenntnisse aus solchen Veranstaltungen im Rahmen der Leitung bewerten und mit den Mitarbeitern besprechen. Wir ziehen Schlüsse, wie wir die Erkenntnisse in der aktuellen Arbeit umsetzen können. Außerdem sehen wir zu, dass wir am Puls der Zeit bleiben oder den Puls sogar überholen, indem wir selber innovativ tätig werden: weil wir Klinik oder Forensik neu denken.

 

Titelbild: Die Organisatoren und Ehrengäste des Symposiums „Forensische Psychiatrie“ in Gießen; von links: Walter Schmidbauer, Geschäftsführer des Instituts für forensische Psychiatrie Haina e.V., die Ärztliche Direktorin der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Haina, Dr. Beate Eusterschulte, Susanne Nöcker, Ministerialrätin im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration, Vitos Geschäftsführer Reinhard Belling, und Dr. Rüdiger Müller-Isberner, bis 31. März 2017 Ärztlicher Direktor der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Haina und Organisator des Symposiums.