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Schwierige Pubertät oder schon Krankheit?

Die Pubertät ist ein natürlicher Entwicklungsabschnitt im Leben eines jeden Menschen. Er stellt eine wichtige Lebenskrise für den Menschen dar. Krisen sind für die psychische Entwicklung von uns Menschen wichtig, da wir uns nur über Krisen und Konflikte weiterentwickeln und reifen. Dieses Bewusstsein mit einer dazu passenden Haltung kann bereits helfen dieser Phase mit einer größeren Gelassenheit zu begegnen. Dennoch gibt es Jugendliche, bei denen schwer zu unterscheiden ist, ob sie die ganz normale Pubertät durchlaufen oder psychisch erkrankt sind.

Insbesondere bei Jugendlichen ist zwischen Pubertät und Erkrankung nicht immer leicht zu unterscheiden. Stimmungsschwankungen und extreme Denk- und Handlungsmuster gehören in der Übergangszeit zwischen Kind [1]und Erwachsenen einfach dazu. Würden wir heute Fragebögen aus unserer Sicht als 14 bis 18-jähriger ausfüllen, die unsere emotionale Instabilität bewerten, würden wir wahrscheinlich zu weiten Teilen hoch auffällige Werte aufweisen.

Vor wenigen Wochen habe ich eine Jugendliche gesehen, die in der Schule zusammengebrochen ist. Ursache hierfür war, dass sie sich im Rahmen ihrer Leistungskurswahl dermaßen unter Druck [2] gesetzt hatte, dass sie kaum noch geschlafen hat und unter Appetitlosigkeit litt. Sie konnte an nichts anderes mehr denken, als dass der Kurs, den sie für sich ausgesucht hatte, wohl wegen geringer Teilnehmerzahl nicht zustande kommen würde. Mit nur zwei Gesprächen und einer Pause durch die Herbstferien, war diese Krise zu überwinden. Hier fiel es schwer eine Diagnose zu stellen. In aller Regel gehen wir dann von einer Anpassungsstörung aus.

Eine andere Jugendliche, die wegen Leistungsabfall in der Schule vorgestellt wurde, offenbarte im Einzelgespräch, dass sie sich seit Jahren selbstverletzt in Form von Ritzen und unter massiven Stimmungsschwankungen leidet. Erst auf Nachfragen berichteten die Eltern, dass sie bereits seit Jahren eine Entwicklung mit sozialem Rückzug beobachten. Im weiteren Verlauf kam heraus, dass sie sich seit geraumer Zeit im Internet mit anderen über Suizidgedanken, aber auch konkrete Selbstmordmöglichkeiten austauscht. Diese Patienten musste zur eigenen Sicherheit für einige Monate in die Klinik eingewiesen werden.

Pubertätskrisen – Die Dauer der Phasen ist entscheidend

Viele Jugendliche durchlaufen die Pubertät zum Glück ohne spektakuläre Stimmungsschwankungen oder sonstige größere Auffälligkeiten. Sie kommen mit den Veränderungen ihres Körpers klar. Sie passen sich ihrer veränderten Rolle an, sich nicht mehr wie ein Kind, sondern wie ein Erwachsener zu verhalten. Da gibt es mal einige gefühlsmäßige Verwirrungen, aber ansonsten läuft das Leben weiter.

Dann gibt es viele Jugendliche, die unter plötzlichen Stimmungsschwankungen leiden, die durch eine vermehrte Produktion von Sexualhormonen ausgelöst werden. Solche Hormonschwankungen sind von außen nicht erkennbar und wirken sich bei einigen Menschen extrem auf die Stimmung aus. Sie erleben sich zum Teil wie fremdgesteuert. Gleichzeitig macht sich eine enorme Verunsicherung breit. Kommen dann noch einige ungünstige Dinge hinzu, kann das innere Gleichgewicht schnell kippen. Beispiele dafür sind:

Schulisches Versagen, selbstverletzendes Verhalten, depressiver Rückzug [3], sich nur noch vor dem Computer aufzuhalten oder gar Drogenkonsum kann eine kurzfristige Episode darstellen und somit von sehr geringem Krankheitswert sein. Dauern diese Phasen jedoch an, erwachsen daraus massive Konflikte mit dem sozialen Umfeld der Jugendlichen. Wenn sie dann eventuell sogar mit dem Gesetz in Berührung, kann es schnell kippen.

Auch spielt die Bewertung der Eltern bzw. des Umfeldes über das Verhalten der Pubertierenden eine entscheidende Rolle. Es gibt Eltern, die sind sehr gelassen und setzen gar keine Grenzen. Andere sind sofort mit heftigsten Bewertungen und Bestrafungen dabei. Beide Extreme fördern eher die Probleme. Jugendliche müssen sich mit ihrem Umfeld auseinandersetzen und teilweise geht dies nur über den Konflikt. Der Konflikt sollte Raum für Reibung bieten, aber nicht aufreibend sein.

Frühzeitiges Ansprechen von Dingen, die auffallen und offensichtlich für Probleme sorgen in einem offenen, verständnisvollen und wertschätzenden aber auch klar begrenzenden Rahmen kann einiges im Vorfeld abfangen. Ein solches Vorgehen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es bei einer Pubertätskrise bleibt und sich nicht zu einer manifesten psychischen Erkrankung auswächst.

Neuronale Umstrukturierung

In der Pubertät muss sich das Gehirn neu strukturieren. Durch neuronale Verbindungen werden erlernte Verhaltensmuster im Gehirn abgespeichert und abrufbar. In der Pubertät werden diese Verbindungen zum Teil gelöst. Kindliches Verhalten muss durch reifes, erwachsenes Verhalten ersetzt werden.

Dieser Umstrukturierungsprozess läuft nicht kontinuierlich, sondern in Schüben ab. So lösen sich in aller Regel viele neuronale Verbindungen über das  ganze Gehirn verteilt auf, um sich dann vom Nacken aus beginnend bis zur Stirn wieder in neuer Formation miteinander zu verbinden. Bei diesem Reifungsprozess wird das Zentrum für Lust, Bedürfnis nach Belohnung und sofortige Bedürfnisbefriedigung durchlaufen.

So kann ein Pubertierender einen ungeliebten Arbeitsauftrag sofort vergessen, da z.B. das Raustragen des Mülleimers ohne Belohnung keinen Wert für ihn darstellt. Für ihn gab es weder den Auftrag des Raustragens, noch war ihm die bloße Existenz des Mülleimers wenige Sekunden nach Auftragserhalt gegenwärtig. Derselbe Jugendliche kann aber über Wochen gute Mitarbeit in der Schule zeigen und ohne Aufforderung die Hausaufgaben erledigen, wenn zum Geburtstag, zur Zeugnisvergabe oder zu Weihnachten ein iPhone 6 in Aussicht gestellt wird.

Erst im weiteren Verlauf trifft der Reifungsprozess auf das Zentrum für planerisches Vorgehen, langfristige Zielverfolgung, Frustrationstoleranz und Vernunft. Kommt es in dieser Zeit zu Reifungsunterbrechungen, wie Drogenkonsum oder vielen Konflikten, kann sich dieser Reifungsprozess enorm in die Länge ziehen und somit die Auftretenswahrscheinlichkeit von psychischen Erkrankungen erhöhen.

Krankheitssymptome bei Jungen und Mädchen

Wir sehen in unserem Arbeitsalltag eine Reihe von Krankheitssymptomen. Diese können das ganze Spektrum der psychischen Erkrankungen abdecken. Allerdings sind Störungen des Sozialverhaltens mit Lügen, Klauen, Schule schwänzen, verbaler und körperlicher Aggressionen gepaart mit motorischer Unruhe, eventuell mit Cannabiskonsum bei Jungen relativ häufig.

Bei Mädchen sehen wir häufiger depressive Störungen, oft im Zusammenspiel mit sozialen Ängsten, die dann in eine Schulverweigerung übergehen. Anpassungsstörungen mit Beeinträchtigung jeglicher Gefühlsqualitäten sind bei beiden Geschlechtern relativ gleich verteilt. Während Mädchen ihre Aggressionen häufiger gegen sich selber richten, in Form von Selbstverletzungen, neigen die Jungen eher dazu sie nach außen zu richten.

Hierbei handelt es sich in Bezug auf die Geschlechterverteilungen um Tendenzen, die aber keinem Geschlecht ausschließlich zuzuordnen sind.

Bei Wiederholungen wird es kritisch

Es gibt keine klare Grenze zwischen Pubertät und Erkrankung. Es gibt Pubertierende, die ganz extreme Dinge tun, wie Drogen nehmen, sich selbst verletzten oder auch riskante Verhaltensweisen an den Tag legen – U-Bahn surfen oder sich hochriskant durch den Straßenverkehr bewegen – . Wenn es sich hierbei nur um einmalige Ereignisse handelt können diese Verhaltensweisen durchaus unbemerkt bleiben und nicht als Krankheit bewertet werden. Wenn sie nicht weiter auftreten, bleibt als Erwachsener oft nur eine tolle Anekdote über die eigene Pubertät.

Wenn aber das Ritzen mit der Rasierklinge so oft vorkommt, dass es nicht zu übersehen ist oder demonstrativ zur Schau gestellt wird, der Jugendliche einen Leidensdruck hat oder die Eltern das Verhalten ihrer nun älter gewordenen Kinder als nicht „normal“ erachten, dann kann es ins psychisch krankhafte kippen.

Das Gleiche gilt für das Schulschwänzen. Tritt dies einmalig als Mutprobe oder dem Austesten der daraus erwachsenen Konsequenzen auf, hat dies vielleicht ein großer Teil der erwachsenen Leser dieses Artikels auch schon gemacht und steht nun trotzdem erfolgreich im Arbeitsleben. Ist es jedoch Ausdruck einer dissozialen Entwicklung [4], einer Somatisierungsstörung oder dem Umstand geschuldet, dass eine diffuse oder konkrete Angst die betreffende Person längerfristig vom Schulunterricht abhält, kann damit die gesamte Schullaufbahn gefährdet sein. Dann werden aus den unterschiedlichen Gründen die zur gesunden Entwicklung notwendigen Erfahrungen nicht gesammelt.

So ist es für jeden wichtig sich in der Gruppe der Gleichaltrigen im eigenen Verhalten auszuprobieren und entsprechende Rückmeldungen zu erfahren. Wir nennen es soziales Lernen. Wenn dies nicht in den entsprechenden Altersstufen immer wieder ausprobiert und letztendlich erlernt wird, kann dies in eine psychische Krankheit münden. Weil der Jugendliche sich der Entwicklungsaufgabe, nämlich dem Erwerb sozialer Kompetenzen, entzogen hat.

Es ist somit immer eine Frage des Ausmaßes und der Dauer der Verhaltensauffälligkeiten. Eltern sollten sehr genau schauen, ob es sich um eine kurzfristige Phase oder längerfristige Fehlentwicklung in Bezug auf die psychische Entwicklung ihrer Kinder handelt. Hierbei ist es wichtig, dass die Eltern sich selber in einem offenen, toleranten, wertschätzenden, aber auch Grenzen beinhaltenden Rahmen bewegen.

An wen kann ich mich wenden?

Alle nachfolgenden Ansprechpartner stehen den Eltern, aber auch Jugendlichen gleichermaßen zur Verfügung: In den Schulen gibt es die Klassenlehrer, Vertrauenslehrer, Schulsozialarbeiter oder auch Schulpsychologen, die oft die ersten Ansprechpartner für die Jugendlichen sind.

Sie können sich an Erziehungsberatungsstellen wenden. Oft geht der erste Weg zum Kinder- oder Hausarzt, der die Familien und Jugendlichen schon über viele Jahre kennt und begleitet. Nicht nur, wenn die Problemlagen ernsterer Art sind kommen die kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanzen als Ansprechpartner in Frage. Die Jugendämter und natürlich unsere kinder- und jugendpsychotherapeutischen Kolleginnen und Kollegen sind ebenfalls wertvolle Ansprechpartner, an die sich Eltern und Jugendliche wenden können.
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