Weniger Schreibtisch, mehr Behandlung

Weniger Bürokratie, mehr Behandlung: Viele Mitarbeitende wünschen sich weniger Schreibtischarbeit.

Weniger Schreibtisch, mehr Behandlung

Wie lässt sich der bürokratische Aufwand im Klinikalltag reduzieren? – Nachgefragt bei Vitos Mitarbeitenden aus der Pflege

Die psychiatrischen Krankenhäuser ächzen unter der zunehmenden bürokratischen Last. Etwa 35 Prozent der Arbeitszeit entfällt inzwischen auf die Dokumentation – viel Zeit, die nicht unmittelbar der Versorgung von Patientinnen und Patienten zu Gute kommt. Was sagen Vitos Mitarbeitenden aus der Pflege dazu? Und was wäre nötig, um den bürokratischen Aufwand zu vermindern? – Wir haben nachgefragt.    

Der Deutsche Pflegetag ist die größte Fachveranstaltung für Pflege in Deutschland. Als der Kongress an diesem November-Tag im hub27 der Messe Berlin seine Türen öffnet, gibt es dichtes Gedränge am Eingang. 10.000 Teilnehmende werden an den beiden Veranstaltungstagen erwartet, der Kongress ist ausverkauft. Das Programm umfasst 150 Vorträge und Workshops, 500 Referent/-innen sind dabei, an Messeständen stellen sich Verbände, Unternehmen und Organisationen vor. Auch Vitos ist vertreten – mit eigenem Stand und 35 Mitarbeitenden, die sich auf dem Kongress über Entwicklungen in der Pflege informieren und sich beruflich vernetzen.

Pflegedirektorin Ljiljana Orlic bei ihrem Vortrag auf dem Deutschen Pflegetag.

Pflegedirektorin Ljiljana Orlic stellt auf dem Deutschen Pflegetag vor, wie der Einsatz einer App die Dienstplanung erleichtert.

Ljiljana Orlic, Pflegedirektorin des Vitos Klinikums Rheingau, initiiert die Teilnahme von Vitos beim Kongress bereits seit 2023. Dieses Mal stellt sie in einem Impulsvortrag vor 70 Zuhörenden eine App vor, die sie im vergangenen Jahr im Vitos Klinikum Rheingau eingeführt hat. Mit Hilfe der App können bei Personalausfällen die freien Dienste effizient und transparent besetzt werden. „Die 120 Mitarbeitenden, die die App nutzen, sehen die offenen Dienste auf ihrem Handy und können entscheiden, ob sie einspringen wollen oder nicht“, berichtet Orlic. Mehr Selbstbestimmung, mehr Entscheidungsfreiheit, weniger gefühlter Druck, einspringen zu müssen: Das alles habe zu mehr Zufriedenheit bei den Mitarbeitenden geführt. Außerdem würden die Dienste in der Regel innerhalb kurzer Zeit besetzt. Ein weiterer Benefit: Die App reduziert den administrativen Aufwand erheblich. Denn die zeitintensiven Telefonate zur Dienstbesetzung entfallen. Damit gewinnen die pflegerischen Führungskräfte zeitlichen Spielraum, um sich anderen Aufgaben widmen zu können.

Birgit Donges hat die Pflegerische Standortleitung Marburg des Vitos Klinikums Gießen-Marburg übernommen.

Birgit Donges hat die Pflegerische Standortleitung Marburg des Vitos Klinikums Gießen-Marburg übernommen.

Birgit Donges hört sich den Impulsvortrag mit großem Interesse an. Sie hat am Vitos Klinikum Gießen-Marburg vor kurzem die pflegerische Standortleitung für Marburg übernommen. „Das Tool könnte uns beim Ausfallmanagement sicherlich gute Dienste leisten, denn das Telefonieren kostet wirklich viel Zeit“, sagt Donges. Die Technik als Helfer in einem Arbeitsalltag, in dem bürokratische und administrative Aufgaben ansonsten stetig zunehmen. Seien es datenschutzrechtliche Anforderungen bei der Einführung der elektronischen Patientenakte oder eine erweiterte Dokumentation im Krankenhausinformationssystem (KIS) für statistische Zwecke – manchmal seien nur ein paar Häkchen mehr zu setzen, aber insgesamt erweitere sich das Spektrum stetig. „Ich arbeite seit 40 Jahren in der Pflege. Dass sich der bürokratische Aufwand reduziert, habe ich eigentlich noch nie erlebt“, sagt Donges. Immerhin stellt sie fest, dass die nachwachsenden Generationen einen gelassenen Umgang mit der Schreibtischarbeit finden – schon allein, weil sie den pflegerischen Alltag von Anfang an so kennen lernen. Außerdem sei allen Pflegefachpersonen klar, wie wichtig beispielsweise eine gute Dokumentation sei: „Alles, was wir nicht dokumentieren, haben wir praktisch nicht gemacht. Es wird dann auch nicht vergütet.“

Rayna Berninger, Leitende Pflegekraft des Vitos Klinikums Rheingau.

Rayna Berninger, Leitende Pflegekraft des Vitos Klinikums Rheingau.

Rayna Berninger, Leitende Pflegekraft des Vitos Klinikums Rheingau, kann das nur bestätigen: „Allen Kolleginnen und Kollegen ist klar, dass wir eine gute Dokumentation brauchen, denn letztlich hängen davon auch unsere Erlöse ab. Nur bleibt uns im Arbeitsalltag für die Dokumentation eben sehr wenig Zeit.“ Müssten sich Pflegefachpersonen entscheiden, ob sie ihre Zeit für die Dokumentation oder für einen Patienten aufwenden, der gerade akut Hilfe benötige, habe der Patient natürlich immer Vorrang. „Das führt zu einem Dilemma und kann für die Kolleginnen und Kollegen belastend sein“, sagt Berninger. Auch sie berichtet vom steigenden Aufwand, der durch neue datenschutzrechtliche Anforderungen, veränderte Abrechnungssystemen und Dokumentationsprozesse entsteht. „Die Rahmenbedingungen schränken uns zeitlich immer mehr ein“, sagt Berninger.

Die BAG Psychiatrie macht in ihrer aktuellen Kampagne auf die Belastungen durch bürokratische Anforderungen aufmerksam.

Die BAG Psychiatrie macht in ihrer aktuellen Kampagne auf die Belastungen durch bürokratische Anforderungen aufmerksam.

Für Reinhard Belling, Vorsitzender der Vitos Konzerngeschäftsführung, ist klar: „Die Psychiatrie braucht wieder mehr Zeit für das, was zählt – und das ist die Versorgung der Patientinnen und Patienten.“ Bürokratie habe ihre Berechtigung, zum Beispiel dann, wenn sie einen Beitrag zu mehr Patientensicherheit leiste. Sei das nicht in ausreichendem Maße der Fall, müsse man sie vereinfachen oder reduzieren. Als Vorsitzender der BAG Psychiatrie, in dem sich Betreiber psychiatrischer Krankenhäuser zusammengeschlossen haben, unterstützt Belling deshalb nun eine Kampagne, die den Bürokratieabbau zum Thema macht. Unter dem Hastag #MehrZeitFürDasWasZählt fordern die Klinikbetreiber die Politik auf, die bestehenden Regelungen zu vereinfachen. Das Ziel: Bürokratie abbauen, ohne dass Transparenz und Qualität verloren gehen. „Wir brauchen weniger Bürokratie und stattdessen mehr Flexibilität und Vertrauen in unsere Arbeit. Letztlich wollen wir alle das gleiche: Dass unsere Patientinnen und Patienten gut versorgt sind“, so Belling.

Mehr zur Kampagne der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Psychiatrie erfährst Du hier.

Autor/-in
Carmen Hofeditz